Ein Fenster, eine Frage – und zwischen den Zeilen
daily sexism

sind es nicht die lauten Gesten, die verletzen, sondern die beiläufigen Fragen.

Im Urlaub, in einem Airbnb, fragte ein anderer Gast – der bis dahin nie mehr als „Hallo“ mit uns gewechselt hatte – meine Tochter, ob sie einen Freund habe. Freundlich, aber ungebeten. Meine Tochter fühlte sich dadurch getroffen, weil Frauen im umgekehrten Fall kaum jemanden so etwas fragten

Der Gastgeber bestand auf einer Entschuldigung, und sie kam. Doch was blieb, war das Gefühl, dass die eigentliche Botschaft nie angekommen ist: dass es hier nicht um Höflichkeit ging, sondern um Haltung.

1. Eine scheinbar kleine Szene – mit großer Bedeutung

Als wir den Raum betraten, schlug das Licht durch das schmale Fenster. Es fiel sanft auf Holzboden und Steinmauern, ließ die Atmosphäre weich erscheinen. Der Blick hinaus war weit – Meer & noch mehr Meer, ein Hauch von Freiheit. Ich dachte: Hier kann man atmen, aufatmen. 

Doch in diesem Moment wurde eine Frage in den Raum gestellt. Ein Satz. „Hast du einen Freund?“ So harmlos er klang, so schwer fiel das Echo. 

Ich sah, wie sich meine Tochter zusammennahm, wie ein Mikrokrampf des Unbehagens durch sie ging. Ich merkte: Diese Frage hatte wenig mit ihrem Leben zu tun. Sie war eine Projektion. Es war nicht das erste Mal, dass Frauen solche Fragen erleben – aber selten, dass sie in einem Moment der Ruhe auftauchen. Und selten, dass man merkt, wie tief solche Worte verletzen und gleichzeitig verschleiern.

2. Warum solche Fragen mehr bedeuten

a) Reduktion auf Beziehung / Sexualität

Wenn man eine Frau fragt, ob sie einen Freund hat, legt man indirekt nahe, dass ihr Beziehungsstatus etwas mit ihrer Identität zu tun hat – oder mit ihrem Wert. Dass das vielleicht sogar das Wesentliche oder Erwartete von ihr sei. Das ist eine subtile Art, Frauen zu definieren über ihre Rolle zu einer anderen Person.

Wenn Männer in umgekehrter Weise gefragt würden – etwa: „Hast du eine Freundin?“ – hört man das selten, weil die soziale Erwartung eine andere ist.Männer werden oft über Beruf, Status oder Leistung definiert.Frauen dagegen werden – bewusst oder unbewusst – noch immer über ihre Beziehungen gedacht: ob sie gebunden, verfügbar oder interessiert sind.

Doch es geht nicht nur um Status. Es geht um die Art, wie Frauen Begegnungen erleben möchten.Viele Frauen wünschen sich zunächst echte, respektvolle Gespräche – ein Kennenlernen, das Raum lässt für Persönlichkeit, Gedanken, Humor, für das, was sich erst mit der Zeit entfalten darf.

Wenn eine Begegnung gleich zu Beginn auf Beziehung oder Nähe gelenkt wird, nimmt sie Frauen diesen Raum.Das Gegenüber signalisiert unbewusst: Ich sehe dich nicht in deiner Ganzheit, sondern in einer möglichen Rolle für mich.Dabei entsteht Nähe nicht durch Andeutungen oder Fragen nach Partnerschaft, sondern durch echtes Interesse, Zuhören, Zeit.

b) Der Illusion von Harmlosigkeit

Solche Fragen erscheinen unschuldig, harmlos, sogar höflich.Aber sie tragen Last. Sie schleichen sich ein, wirken wie Mikroaggressionen – kleine Verletzungen, die sich summieren.Psycholog*innen weisen darauf hin, dass solche Mikroaggressionen häufig unterschätzt werden, gerade weil sie so beiläufig wirken.

Doch sie sind nicht harmlos.Sie gehören bereits zum alltäglichen Sexismus, den viele Frauen erleben – jenem leisen, fast unsichtbaren Geflecht aus Bemerkungen, Blicken und Fragen, das die Grenze zwischen Neugier und Übergriff verwischt.Dieser „Daily Sexism“ ist keine Randerscheinung, sondern Teil unserer sozialen Struktur: Er zeigt, wie tief bestimmte Haltungen über Geschlecht und Macht noch in uns verankert sind.

Und genau darin liegt die Herausforderung – weil das Verhalten nicht laut oder offensichtlich ist, sondern sich in Freundlichkeit tarnt. Es will nicht verletzen und tut es doch, weil der Kontext zählt: Wer fragt sie? In welcher Situation? Mit welchem Hintergrund? Wer stellt sich vor, dass eine Frau grundsätzlich verfügbar sein könnte?

c) Das Machtgefälle im Unausgesprochenen

Diese Form von Fragen ist eine Übernahme von Deutungshoheit: Der Fragende setzt implizit eine Grenze, eine Erwartung, einen Raum, in dem die Frau antworten soll. Es ist nicht nur Neugier – es ist Teil eines Deutungsrahmens: Wer darf fragen, wer darf antworten, was darf gefragt werden?

Wenn man nicht spricht, wirkt oft das, was nicht ausgesprochen wird, am stärksten. In diesem Fall: Wer bin ich, wenn mich jemand fragt, ob ich einen Freund habe? Und wer wird angenommen, dass ich bin, bevor ich etwas sage?

3. Die Entschuldigung – und warum sie nicht reicht

Der Gastgeber hat von sich aus eine Entschuldigung eingefordert. Er trat ein, zu vermitteln, dass Respekt wichtig ist. Das war gut. Ich schätze seine Rolle. Aber: Eine Entschuldigung ist nur der erste Schritt – und sie verliert ihren Wert, wenn das dahinterliegende Muster nicht erkannt wird.

Ich versuchte, das in einem ruhigen Gespräch klarzumachen: Es geht nicht nur um diesen einen Satz, sondern um viele Sätze, viele Begegnungen, viele Erwartungen. Doch ich hatte den Eindruck, dass nicht verstanden wurde, worum es wirklich ging, im Gegenteil imaginär die Augen gerollt wurden.

Warum hat er es nicht verstanden?

* Vielleicht, weil viele Menschen gelernt haben, solche Situationen als belanglos zu betrachten –und dabei übersehen, dass hinter der scheinbaren Harmlosigkeit alte Machtmuster weiterwirken.

Vielleicht, weil der Fragende sich selbst nie wirklich hinterfragt hat –

weil er glaubt, er habe das Recht, Interesse zu zeigen,

und davon ausgeht, Frauen würden solche Aufmerksamkeit grundsätzlich mögen.

Er hat vermutlich nie gelernt, was respektvolle Neugier bedeutet.

Sein Umfeld bestätigt ihn in dieser Haltung, weil dort ähnliche Muster gelten:

ein Miteinander, in dem Grenzen verwischen und Respekt mit Interesse verwechselt wird.

* Vielleicht, weil Entschuldigungen oft ritualisiert sind: man sagt sie, um Frieden herzustellen, ohne die tieferen Ursachen anzuschauen.

Wenn man sich entschuldigt, ohne das zugrunde liegende Muster zu hinterfragen, bleibt die nächste Fragestellung offen: Wird der andere jemals lernen, diesen Raum zu respektieren?

4. Zwischen Steinzeit und Utopie: Macht, Gleichgewicht und *Die Gabe*

Wir alle kennen die alten Erzählungen: die Jagdgesellschaften, die matriarchalen Mythen, die patriarchalen Systeme. In vielen Kulturen war die Macht klar strukturiert – wer jagte, wer sammelte, wer regierte. Aber wir leben heute in einer Zeit, in der solche Machtentwürfe überholt sind – zumindest, wenn wir an Gerechtigkeit und Begegnung glauben.

Das Buch *Die Gabe* von Naomi Alderman stellt eine Welt vor, in der Frauen plötzlich Macht haben. Sie können sie aufbauen, sie können sie nutzen. Doch sehr bald zeigt sich: Machtfähigkeit allein genügt nicht, wenn sie nicht von Verantwortung begleitet wird. Umkehr der Hierarchie führt nicht automatisch zu Freiheit.

Auch im Alltag ist das so: Es reicht nicht, Macht von einem Geschlecht zum anderen zu verlagern. Es geht um „Teilen, Respektieren, Grenzen achten“ – nicht darum, wer mehr hat, sondern wie wir miteinander umgehen.

Ich möchte keine patriarchale, keine matriarchale Welt. Ich möchte eine Welt, in der Balance zählt. In der weder Macht noch Ohnmacht das Primat haben, sondern Wertschätzung, Respekt, Achtsamkeit und die Selbstverständlichkeit es erlernen zu wollen.

5. Wie Frauen solche Szenen erleben

Ich möchte hier nicht nur theoretisch sein, sondern mit Herz und Empathie erzählen, wie sich so etwas anfühlt. Vielleicht erkennt sich jemand.

* Erst das Zögern, bevor man antwortet – wie viel Freiheit bleibt?

* Das Abwägen: sage ich ehrlich, oder schütze ich mich?

* Der Spalt zwischen dem Äußeren und dem Inneren: Ich lächle, aber innen rumpelt es.

* Die kleine Erschütterung, die im Körper bleibt – noch später, abends, wenn man allein ist.

Solche Momente prägen das tägliche Bild der Weiblichkeit: man lernt, sich zu schützen, zu denken, zu verschweigen, zu relativieren. Manche sagen: „Ach, er meinte es ja gut.“ Aber wir wissen, wie oft „meine Absicht war gut“ nicht reicht.

Wenn wir über Abwehr und Erschöpfung sprechen, über Burnout, Depression und Angst – dann gehören diese Szenen dazu. Denn sie sind Teil des Netzes, das wir täglich spüren.

6. Was wir brauchen – und wie wir es anders machen können

Ich möchte nicht nur einen Missstand benennen, sondern Hoffnung spüren – und Wege.

a) Bewusstsein schaffen

Das geschieht, wenn wir hinschauen, benennen, gemeinsam sprechen. Wenn Männer und Frauen achtsam werden für die Sprache, die Fragen, die Haltung. Wenn wir reflektieren, ob wir Menschen fragen, was wir fragen sollen, oder was wir gern wissen wollen.

b) Grenzen erkennen und wahren

Eine Frau muss nicht jede Frage beantworten. Sie darf selbst entscheiden, ob sie öffentlich spricht oder schweigt. Respekt heißt: zu akzeptieren, wenn jemand nicht antworten will – ohne Druck.

c) Haltung üben

Es reicht nicht, gelegentlich sensibel zu sein. Haltung ist wie ein Muskel: Man muss ihn trainieren. In jedem Gespräch, in jeder Begegnung. Nicht nur gegenüber Frauen, sondern überall.

d) Austausch ermöglichen

Artikel wie dieser sollen nicht nur gelesen, sondern rückgekoppelt werden: in Gesprächen, in Communitys, in Reflexionsräumen. Denn Veränderung geschieht nicht allein.

7. Rückkehr zum Fenster

Ich sitze wieder am Fenster dieses Raums. Der Blick ist derselbe: offen, weit, einladend zum Atmen. Aber meine Sicht hat sich verändert. Ich sehe nicht nur das unendliche Meer da draußen, sondern auch die Räume in uns – unsere Grenzen, unsere Haltung, unsere Würde.

Wenn wir glauben, dass eine Entschuldigung schon genug ist, übersehen wir, dass Veränderung selten reicht, wenn sie nur an der Oberfläche greift. Zwischen den Zeilen geschieht die wahre Arbeit: in Achtsamkeit, in Worten, in Bereitschaft, uns selbst zu hinterfragen.

Dieser Artikel ist kein Schlussstrich – er ist Einladung. Einladung, hinzuschauen, bewusst zu fragen, mit Würde zu begegnen. Denn es gibt Fragen, die uns nicht weiterbringen – und Fragen, die Räume öffnen.                      Danke, dass du dich hineinbegibst.

 Weiterlesen – Weiterfühlen – Weiterwachsen

Wenn dich dieser Text berührt hat, gibt es zwei Wege, mich besser kennenzulernen:

🌿 Mein Buch – Hypno-Novel-TherapieErfahre, wie Worte, Geschichten und Bewusstsein Heilung anstoßen können – wissenschaftlich fundiert und therapeutisch inspiriert.📖 Hier geht’s zum Buch → https://gqr.sh/kUr3

💬 Ein persönliches Gespräch mit mirWenn du spürst, dass Begegnungen, Worte oder kleine Erfahrungen in dir nachklingen und du verstehen möchtest, was sie in dir bewegen, begleite ich dich gern – achtsam, online und ganz auf dich abgestimmt.🕊️ Hier kannst du einen Termin vereinbaren → https://calendly.com/laila-d-schmidt-ptq7/30min