Burn-on und die neue Form der Erschöpfung
Burn-on und die neue Form der Erschöpfung
Wenn Funktionieren zur Gewohnheit wird
- Burn-on und die neue Form der Erschöpfung
Es gibt Tage, an denen alles weiterläuft: Termine, Gespräche, Routinen — und doch bleibt innerlich etwas stehen. Wir erledigen, was nötig ist, reagieren, denken, planen. Nach außen wirkt das stabil, manchmal sogar beeindruckend. Aber innen ist es leiser geworden: Freude, Neugier, Begeisterung sind nicht weg, sie erreichen uns nur noch gedämpft. Gefühle kommen abgeschwächt an, als läge ein Filter über allem. Diese Erfahrung beschreibt ein Phänomen, für das sich in den letzten Jahren ein Name etabliert hat: Burn-on.
Burn-on: Was ist gemeint?
Der Psychiater Bert te Wildt beschreibt Burn-on als chronischen Erschöpfungszustand, in dem Menschen weiterhin leistungsfähig bleiben — oftmals über Jahre. Im Unterschied zum klassischen Burn-out, das häufig in einen Zusammenbruch mündet, läuft Burn-on weiter: Termine werden eingehalten, Projekte erledigt, Verantwortung getragen. Die Betroffenen „halten sich durch Aktivität am Leben“ und brennen dabei langsam, aber stetig aus. In einem vielzitierten Interview skizziert te Wildt Burn-on als „Dauerstress ohne Pauseknopf“: Erholung ist nicht mehr selbstverständlich, sondern ein weiteres Projektmanagement am eigenen Körper. Klinisch zeigt sich Burn-on nicht als spektakuläre Krise, sondern als Normalität ohne Innenleben. Menschen berichten, sie „spüren weniger“, sie „funktionieren“, aber fühlen sich „wie gedämpft“. Das innere Echo fehlt. Entscheidungssituationen werden mühsamer, weil man nicht mehr gut unterscheiden kann, was man will und was man für nötig hält.
Warum entsteht Erschöpfung? — Das Lebensumfeld im Blick
Erschöpfung entwickelt sich nicht im luftleeren Raum. Wie bereits „Der Standard“ betonte, ist das Lebensumfeld entscheidend: ständige Verfügbarkeit, verdichtete Arbeit, parallele Anforderungen aus Beruf, Familie und digitaler Kommunikation. Ruhezeiten werden zu „Restzeiten“; zwischen Benachrichtigungen, Deadlines und Verpflichtungen bleibt wenig zusammenhängende Regeneration. Wer ständig erreichbar ist, erholt sich selten tief.
Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von einer Gesellschaft der Beschleunigung, in der Selbstwert subtil an Produktivität gekoppelt ist. Stillstand fühlt sich nicht nach Pause an, sondern nach Schuld. Damit verschiebt sich die Grundhaltung: Aktivität gilt als Tugend, Pausen als etwas, das begründet werden muss.
Überanpassung statt Faulheit — eine psychologische Perspektive
Die Psychotherapeutin Dunja Voos beschreibt, dass emotionale Erschöpfung oft das Ergebnis übermäßiger Anpassung ist. Wer über längere Zeit Erwartungen erfüllt — im Beruf, in Beziehungen, im sozialen Umfeld —, verliert langsam die Verbindung zur eigenen Empfindung. Man sagt „Ja“, obwohl innerlich „Nein“ spürbar wäre; man trägt weiter, obwohl etwas in einem loslassen möchte. Warnsignale sind anfangs leise (Schlafprobleme, erhöhte Gereiztheit, körperliche Spannung) und werden lauter, je länger man sie überhört.
Die Führungsexpertin Julia Culen bringt die kulturelle Dimension prägnant auf den Punkt:
„Die Erschöpfung ist nicht das Ergebnis von Anstrengung, sondern davon, dass wir ein falsches Leben leben. Ein Leben, von dem wir denken, dass es uns gemäß sein sollte, das es aber nicht ist.“
Culens Gedanke erklärt, weshalb Burn-on so hartnäckig sein kann: Nicht nur Zuviel führt zur Erschöpfung, sondern Zu-fremd — also ein dauerhafter Sinn- und Apassungsverlust zwischen dem gelebten Alltag und den eigenen Werten.
Neurobiologie chronischer Erschöpfung — was Forschung nahelegt
Eine Übersichtsarbeit (2022) aus „Frontiers in Psychiatry“ (PMC9478693) fasst neurophysiologische Zusammenhänge von chronischer Erschöpfung und Burnout-Phänomenen zusammen. Wiederkehrende Befunde:
- HPA-Achse & Cortisol: Anhaltender Stress hält die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse auf einem erhöhten Aktivierungsniveau. Cortisolprofile verändern sich; Erholungskurven flachen ab.
- Limbisches System: Funktionelle Veränderungen in Amygdala (Stress- und Alarmreaktionen) und Hippocampus (Kontext, Gedächtnis, Affektregulation) korrelieren mit verringerter emotionaler Feinabstimmung und Belastungsverarbeitung.
- Belohnungssystem: Eine gedämpfte Dopamin-Verfügbarkeit kann subjektiv als Anhedonie (vermindertes Lust-/Freudenerleben) erlebt werden.
- Allostatische Last: Chronischer Stress verschiebt den „Sollwert“ des Systems. Das Gehirn rekalibriert — hohe Wachheit, wenig Tiefe. Subjektiv fühlt sich das an, als „käme nichts mehr richtig an“.
Diese Daten deuten darauf hin, dass Burn-on keine schwächere Form von Burn-out ist, sondern ein eigenes Muster: langfristig hohe Aktivierung, deren Kosten emotional (Abflachung), kognitiv (Rumination = Grübeln & Gedankenkreisen, Entscheidungsmüdigkeit) und körperlich (Verspannungen, Kopfschmerzen, Tinnitus, Schlafstörungen, Blutdruck) sichtbar werden.
Wie zeigt sich Burn-on? — Vier Ebenen
- Gefühl der Abflachung: Freude, Traurigkeit, Ärger — alles wirkt gedämpft.
- Reizbarkeit und innere Unruhe ohne klaren Anlass.
- Subtile Anhedonie: Dinge, die früher berührt haben, bleiben blass.
- Entscheidungsmüdigkeit, Grübeln, Konzentrationsschwierigkeiten.
- „Autopilot-Modus: Routinen funktionieren, aber ohne inneren Bezug.
- Perfektionistische Kontrollen (Checken, Planen, Optimieren) als Surrogat von Sicherheit.
- Muskuläre Spannung, Kopfschmerzen, Nacken-/Rückenbeschwerden.
- Schlafstörungen (Ein-/Durchschlafprobleme), Tinnitus, Blutdruck-Anstiege.
- Erschöpfung trotz „funktionierender“ Tagesleistung.
4. Verhaltens-/Beziehungsebene
- Sozialer Rückzug (ohne offenen Konflikt), Pflichtkontakte überwiegen.
- Grenzen werden seltener markiert; „Ja“ statt „Nein“.
- Weiterarbeiten in der Erschöpfung („Ich bin doch noch leistungsfähig“).
Abgrenzung: Burn-on, Burn-out, Depression
- Burn-out kulminiert häufig in funktionaler Dekompensation zusammenbrechen, krankheits- oder arbeitsunfähig).
- Burn-on hält Funktion aufrecht; das System kompensiert über Daueranspannung.
- Depression umfasst meist durchdringende Niedergeschlagenheit, Antriebsmangel, teils Selbstabwertung; bei Burn-on steht eher die Abgeflachtheit bei gleichzeitigem Weiterfunktionieren im Vordergrund.
- Komorbidität ist möglich: Langdauernde Burn-on-Zustände können in depressive Episoden übergehen — ein weiterer Grund, Warnsignale ernst zu nehmen.
Gesellschaftliche Dynamiken: Warum Burn-on „passt“
Burn-on „passt“ in Milieus, in denen Pflicht, Effizienz, Selbstkontrolle als Tugenden gelten. Der Satz „Wie geht’s? — Viel zu tun, aber läuft“ dient als sozial akzeptiertes Statussignal. Pausenkompetenz (die Fähigkeit, Unproduktivität als erholsam zu erleben) ist dagegen selten trainiert. Das erklärt, warum sich viele Betroffene in Ruhe unwohl fühlen: Das Nervensystem hat „Nicht-Tun“als Gefahr markiert. In der Praxis bedeutet das, dass Erholung anfangs Stress auslöst — nicht, weil sie „falsch“ ist, sondern weil das System sie verlernt hat.
Typische Sätze — und was dahinter steckt
- „Ich kann jetzt nicht aufhören.“ → Innere Genehmigung, Grenzen zu setzen, fehlt.
- „Ich bin doch noch leistungsfähig.“ → Leistung wird als Beweis für „Alles in Ordnung“ genutzt.
- „Andere schaffen das doch auch.“ → Sozialer Vergleich ersetzt Selbstwahrnehmung.
- „Ich weiß, was ich fühlen sollte, aber ich spüre es nicht.“ → Kernformel der Resonanzstörung
Hinweise & Red Flags (für Betroffene und Umfeld)
- Langdauernde Erschöpfung ohne erholsamen Schlaf trotz funktionierendem Alltag.
- Anhaltende Abflachung der Gefühlsintensität.
- Daueranspannung (körperlich spürbar) und Unfähigkeit zur Entspannung.
- Erholung erzeugt Unruhe (Pausen werden innerlich weggedrückt).
- Sozialer Rückzug bei äußerem Funktionieren.
- Fortschreitende **Sinnfragen** („Wofür mache ich das?“) + Zynismus-Tendenzen.
Der Mechanismus, der Burn-on stabil hält
Burn-on ist selbststabilisierend
- Anspannung hält Leistung aufrecht.
- Aufrechterhaltene Leistung verhindert sichtbare Krise.
- Ausbleibende Krise reduziert den Anlass zur Veränderung
- Fehlende Veränderung verlängert die Anspannung.
Dazu kommt Selbstattribution: Wer Leistung als Identität versteht, erlebt Pausen als Bedrohung der Selbstdefinition. Das System schützt sich durch „mehr vom Gleichen“: noch effizienter planen, kontrollieren, optimieren — und entfernt sich damit weiter vom Fühlen.
Wege zurück: Was wirklich hilft
1) Wahrnehmung vor Optimierung
Statt „Wie werde ich wieder leistungsfähig?“ lautet die erste Frage „Was erlebe ich gerade?“. Gefühle benennen (auch wenn sie blass sind), Körperempfindungen lokalisieren (Wo sitzt die Spannung? Wann wird sie stärker?).
2) Mikro-Erholung statt Komplett-Neustart
Das Nervensystem lernt in kleinen Dosen: 10–15 Minuten bewusstes Nichts-Tun, ein Spaziergang ohne Ziel, reizarme Zeitfenster (kein Scrollen, keine Mails). Ziel: Pausenkompetenz aufbauen.
3) Grenzen trainieren
Ein konkretes Nein pro Woche reicht als Start. Nicht aus Opposition, sondern als Pflege der Selbstkongruenz. Kurzformeln helfen: „Heute nicht, morgen gern“, „Ich melde mich heute nicht mehr“.
4) Soziale Resonanz nutzen
Ein ehrliches Gespräch ohne Lösungsdruck (nicht: „Was soll ich tun?“, sondern: „So fühlt es sich an.“). Resonanz ersetzt Optimierung.
5) Körper entwarnen**
Regelmäßige Körperpraxis (Dehnung, moderates Ausdauertraining, Atemarbeit) senkt Grundanspannung. Nicht als Challenge, sondern als Tonuspflege.
6) Arbeitsorganisation anpassen
Zeitblöcke für Deep Work, klare Ränder für Kommunikation (Benachrichtigungen bündeln), Übergangsrituale zwischen Rollen (z. B. kurzer Spaziergang nach der Arbeit).
Hypno-Novel-Therapie: Resonanz als roter Faden
In meiner Arbeit mit Hypno-Novel-Therapie verbinde ich Hypnose (Regulation, Imagination, Zugang zu inneren Bildern) und Romanarbeit (sprachliche, narrative Resonanz). Ziel ist nicht Performance, sondern Wiederanschluss:
- Hypnose schafft einen sicheren inneren Raum, senkt sympathische Überaktivierung und erlaubt, subtile Gefühle „unter dem Lärm“ wahrzunehmen.
- Romanarbeit liefert Spiegelgeschichten: Durch Identifikation mit Figuren werden Gefühle indirekt zugänglich — besonders hilfreich, wenn Direktzugang noch zu viel ist.
- Mikro-Hausaufgaben (2–5 Minuten täglich): eine Seite lesen, einen Satz notieren, eine Körperempfindung labeln. Konsistenz statt Intensität.
Die Erfahrung zeigt: Wenn Menschen wieder Resonanz erleben — sei es an einer Textstelle, einem Klang, einer Erinnerung —, verändert sich ihr Bezug zu sich selbst. Aus „Ich funktioniere“ wird vorsichtig „Ich nehme mich wahr“.
Praxisnahe Mini-Interventionen (evidenzbasiert anschlussfähig)
- 3× täglich 90 Sekunden „Stecker ziehen“: Augen schließen, Schultern sinken lassen, Ausatmung verlängern.
- Reiz-Diät am Abend: 45 Minuten ohne Bildschirme vor dem Schlaf.
- Arbeits-Reframing: Nicht „Was muss ich heute alles schaffen?“, sondern „Welche eine Sache muss heute wirklich passieren?“
- Sinn-Marker: Einmal pro Woche 10 Minuten schreiben: „Was war stimmig diese Woche? Was nicht — und warum?“
- Soziale Mikro-Resonanz: Eine Nachricht an eine Person, mit der man nicht über Aufgaben spricht.
Vom Erkennen zum Verstehen — und zum inneren Wiedereinstimmen
Burn-on lässt sich nicht „wegoptimieren“. Es braucht Zeit, das eigene Tempo wiederzufinden, und Verfahren, die Wahrnehmung statt Leistung trainieren. I
Fazit
Burn-on ist kein Modewort, sondern die nüchterne Beschreibung eines Zustands, der in schnellen, leistungsorientierten Lebenswelten häufig entsteht: Weiterfunktionieren bei abnehmender innerer Resonanz.
Die gute Nachricht: Was gelernt wurde — Daueranspannung —, lässt sich auch verlernen. Nicht auf Knopfdruck, sondern Schritt für Schritt: Wahrnehmen statt optimieren, Grenzen statt rechtfertigen, Pausen statt Planen. Und vor allem: Verbindung statt nur Leistung.
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Quellen
Bert te Wildt, Interview zu Burn-on („Wenn Arbeit berauscht“): Unterscheidung Burn-out vs. Burn-on, „Dauerstress ohne Pauseknopf“, typische Symptomatik.
https://www.lgt.com/ch-de/markteinschaetzungen/insights/lifestyle/arbeit-berauscht-238904
Der Standard(2016): „Warum Erschöpfung entsteht“ — Erschöpfung als Folge von Lebensumfeld, ständiger Verfügbarkeit, Entfremdung.
https://www.derstandard.at/2000042340762/lebensumfeld-warum-erschoepfung-entsteht
Frontiers in Psychiatry** (2022, **PMC9478693**): *Burnout phenomenon: neurophysiological factors, clinical features, and connection with depression* — HPA-Achse, limbische Veränderungen, Anhedonie/Belohnungssystem.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9478693/?utm_source=chatgpt.com
Julia Culen** (2017): *Erschöpft statt erfüllt* — Erschöpfung als Apassungsproblem („falsches Leben“), Sinnverlust als Kern.
https://juliaculen.com/2017/03/03/erschopft-statt-erfullt/
„Die Erschöpfung ist nicht das Ergebnis von Anstrengung sondern davon, dass wir ein falsches Leben leben. Ein Leben, von dem wir denken, dass es uns gemäß sein sollte, das es aber nicht ist.“ Julia Culen
weiterführende Literatur zum Thema Burnon und Burnout
und zur Therapie: besuchen Sie mich
hier ein passender schöner Artikel von Barbara Kast https://www.barbarakast.at/burnout-nichts-fuer-weicheier/#comment-279